Geschichte | Was habe ich mit Immigration und Integration zu tun


Rede bei der Eröffnung der Wanderausstellung im Gummersbacher Berufskolleg
Was habe ich mit Immigra tion und Integration zu tun, werden Sie sich fra gen? Nun, auch ich bin ein Misch ling, auch ich bin bi-kulturell, bilingual - und ich bin stolz darauf!
Obwohl man mir meine eigentliche Herkunft nicht ansieht oder irgendeinen verräterischen Akzent raushört, gehöre ich zu der Gattung der hier in Deutschland weit verbreiteten Aussiedler. Meine Eltern kommen beide aus der ehemaligen Sowjetunion, meine Mutter ist rein russisch, mein Vater ein wolgadeutscher Aussiedler.
Auch ich bin in der Sowjetunion geboren, einem Staat, der nicht mehr existiert, der mich, meine Eltern und eine ganze Kultur aber geprägt hat. Ich kam mit dreieinhalb Jahren nach Deutschland, somit kann ich nicht mit großen Erfahrungsberichten aus den damaligen Zeitenaufwarten, und ich würde mich auf Grund meiner Erziehung und meiner Lebenseinstellung als größtenteils germanisiert und deutsch bezeichnen. Doch gilt es dabei nicht, seine Wurzeln und seine Herkunft zu verleugnen, sie zu verstecken oder sie zu vergessen. Leute wie wir hatten es schwer. Mein Vater erzählte mir, in Russland, da wären wir alle die verhassten und dreckigen Nazi-Deutschen gewesen bzw. wurden wir als solche bezeichnet und behandelt. So kam es, dass während des Zweiten Weltkrieges viele Deutsche in Russland in Arbeitslager nach Sibirien mussten. So wie auch mein Opa- Holzfällen beimi nus 20 Grad, vier lange Jahre. Als die Sowjetunion zerfiel und uns der Weg nach Deutschland wesentlich erleichtert wurde, fiel vielen von uns ein Stein vom Herzen. Endlich frei sein, endlich zurück, endlich wieder Heimat! Doch hier in Deutschland angekommen, bemerkten viele von uns, dass es nicht das war, was sie sich erhofft hatten. Die Arbeit war genauso hart wie in der Sowjetunion, und Wohlstand und Reichtum kamen nicht über Nacht. Doch das Schlimmste: Hier wurden wir als “Russen” verhöhnt. Wo waren wir nun also willkommen? Sollten wir wieder flüchten? Aber wo hin? Zurück nach Russland? Oder ganz weg? Einige gingen nach Kanada und suchten dort ihr Glück, andere gingen zurück nach Russland. Wir? - Wir blieben hier, zum Glück wie ich sagen muss, denn sonst würde ich hier nicht stehen und dazu aufrufen, dass man Menschen eine Chance geben muss, sich zu integrieren, sich zu beweisen und in einem friedlichen, harmonischen Miteinander zu leben.

Felix Schulmeister, Gummersbach

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