Geschichte | Warum Russland


Wenn man einmal von der Reise- und Abenteuerlust der Menschen absieht, hat jede Auswanderung zwei Hauptgründe: die Schubwirkung in der Heimat und die Anziehungskraft der Fremde. Hinsichtlich der Auswanderung aus Deutschland nach Russland beruft sich die große Mehrzahl der Forscher auf Dr. Karl Stumpp, der in seinem Hauptwerk "Die Auswanderung aus Deutschland nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862" sechs Gründe nennt, die eine Auswanderung nach Russland als wünschenswert erscheinen ließen, und vier, die gegen ein Verbleiben in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert sprachen.
Für Russland sprachen vor allem die Verlockungen des Manifestes vom 22. Juli 1763 und danach:
1. die Gewährung der freien Religionsausübung;
2. die Befreiung von Steuern für die ersten zehn Jahre;
3. zinslose Darlehen;
4. Befreiung vom Militärdienst "auf ewige Zeiten";
5. die Gewährung einer eigenen Gemeinde- und Selbstverwaltung;
6. die unentgeltliche Zuwendung von 30 und mehr Hektar Land für jede Familie.
Derartige Vergünstigungen bot nicht einmal Amerika, wohin zur gleichen Zeit ebenfalls viele Deutsche auswanderten.
Gegen einen Verbleib in Deutschland in unruhigen Zeiten sprachen
1. politische Gründe;
2. wirtschaftliche Gründe;
3. religiöse Gründe;
4. persönliche Bindungen.
Als wichtigsten politischen Grund für die erste Auswanderungswelle, vor allem aus Hessen an die Wolga, nennen die Historiker den Siebenjährigen Krieg (1756–1763). Für die Mennoniten wird das preußische Edikt von 1789 über die Beschränkung des Erwerbs von Grund und Boden für Menschen, die den Wehrdienst ablehnen, angeführt, für die Schwarzmeerdeutschen schließlich nennt man die Folgen der Napoleonischen Kriege im Südwesten Deutschlands. Als wirtschaftliche Gründe werden Missernten, Hunger, hohe Steuern und Landmangel aufgezählt.
Bei der Ausreise aus Württemberg spielte die Religion eine gewisse Rolle; in noch höherem Maße trifft das auf die Auswanderungsbewegung der Mennoniten zu.
Persönliche Bindungen als Auswanderungsgrund sollte man in erster Linie für Personen aus höheren Schichten nennen. Eine Rolle spielten aber auch bald "schöne" Briefe von Verwandten, die bereits ausgewandert waren und großen Wert darauf legten, wieder mit ihren Angehörigen zusammen zu sein.
Bei allen Russlanddeutschen entwickelte sich im Laufe ihrer Geschichte ein gut ausgeprägtes lokales Heimatbewusstsein. "Wir sind von der Wolga (... vom Schwarzen Meer, ... Mennoniten, ... Wolhynier, ... Kaukasusdeutsche, ... Deutsche von der Krim)!" Das wurde erst durch das gemeinsame Schicksal aller Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg anders.
Im Unterschied zu Emigranten, die beispielsweise in die USA oder nach Kanada auswanderten und nichts dagegen hatten und haben, als Amerikaner oder Kanadier bezeichnet zu werden, wollten die deutschen Kolonisten in Russland Deutsche bleiben. Deshalb legten sie von Anfang an großen Wert darauf, ihren Glauben, ihre Muttersprache und ihre Traditionen sorgsam zu pflegen, weiterzuentwickeln und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. So konnten sie zwei Jahrhunderte lang ihre nationale Identität bewahren und der Assimilation widerstehen. Das wurde erst in den letzten Jahrzehnten durch die Verstreuung der Russlanddeutschen über das riesige Land und im Zuge der Urbanisierung in der UdSSR nahezu unmöglich. Die deutsche Muttersprache konnte nach dem 2. Weltkrieg von den Russlanddeutschen zeitweilig nur noch innerhalb der Familie gepflegt werden. Außerdem wurde der Gebrauch der deutschen Sprache durch die Zunahme gemischtnationaler Ehen auch innerhalb der Familien zurückgedrängt.

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